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Angst

Sie fragen mich, was Angst ist?
Angst kann sehr vieles sein.
Angst ist, wenn Sie nur sehr langsam wach werden; bevor Sie aufstehen liegen Sie einfach nur da und starren in den Raum. Über Ihrer Netzhaut liegt ein milchiger Film, der Ihre Umwelt weich zeichnet. Das verhaßte Licht des neuen Tages dringt durch ein Fenster während Sie langsam beginnen, Ihren Körper wahrzunehmen.
Angst ist auch, wenn Sie eine ganze Weile dafür brauchen, Ihre Gedanken in Bewegung zu versetzen. Angst ist, wenn Sie weder wissen, welcher Tag es ist, noch was Sie gestern und am Abend zuvor getan haben. Als Sie alle Ordner und Schubladen Ihres Gehirns danach durchsucht haben und endlich fündig geworden sind, fällt Ihnen augenblicklich, wenn nicht sogar gleichzeitig ein, welche angsteinflößenden und unangenehmen Aufgaben Sie auch heute wieder zu bewältigen haben werden.
Während Sie aufstehen, sind Sie von ständig zunehmender Angst umgeben; Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als sie einzuatmen. Die nächste Station der Angst begegnet Ihnen im Badezimmer. Sie blicken in den Spiegel und sehen ein Gesicht, das Sie kaum kennen. Mit lebensmüden, aufgequollenen Augen schaut Sie ein Fremder an; fettige Harre, grobporige, schuppige Haut, unrasiert. Als dieser Fremde unter die Dusche tritt, bemerkt er, daß sein Körper nicht mehr so aussieht, wie er ihn in Erinnerung hatte; daß er nicht mehr im Besitz des Körpers ist, den er gerne hätte.
Angst ist, wenn Sie sich selbst nicht schön finden: wenn Sie dick und weiß sind und Sie sich in Ihrer Haut nicht wohl fühlen. Die bleichen Hände, die den verkalkten, matten Duschhahn aufdrehen, beginnen unter dem kalten Wasser eine lila Färbung anzunehmen. Angewidert reiben Sie den schwammigen Körper mit Seife ein und fühlen sich dabei, als würden Sie eine Qualle streicheln. Nachdem Sie alle Rituale, die zum traditionellen Beginn eines Tages notwendig sind ausgeübt haben und das Höchstmaß an Funktionalität von Körper und Geist wiederhergestellt ist, erreichen Sie den Höhepunkt des Tages mittels des Dramas um die erst Zigarette am Morgen.
Bringen Sie es hinter sich. Nach drei Zügen sind Sie schonungslos im Depressionsholocaust verloren. Die Probleme, hauptsächlich solche, die Sie sich selbst konstruiert haben, sausen ihnen wie Maschinengewehrsalven um die Ohren. Orgasmen aus Existenzängsten, Geldnöten, Beziehungskrisen, unfreundlichen Mitmenschen, bürokratiegetränkten Behördengängen und Termindruck schreien Ihnen von beiden Seiten um die Ohren, so daß Sie sich eine Kugel durch den Kopf schießen möchten, um dem ganzen Fiasko ein angemessenes Ende zu bereiten. Nach viereinhalb Minuten hört der Spuk so schnell auf, wie er begonnen hat. Der Glimmstengel erlischt im Aschenbecher.
Zusammenfassend würde ich sagen, daß Angst ein sehr großer Bestandteil meines Leben ist; besser gesagt: geworden ist.



Anti

Er fühlte schon wieder das Verlangen seiner Lungen nach einer frischen und kühlen Brise Rauch. Er brauchte sie. Jetzt. Er wollte die totale Verunreinigung aller reinen Luft, die in seinen Körper hätte eindringen können; er wollte die Luft durch Nikotin, Teer und Übelkeit ersetzen.
Er versuchte sich vorzustellen, ein Mann mit drei Augen zu sein: zwei in seinem Kopf und eines in seinen Lungen, so daß er die grauen Rauchwolken in ihnen sehen konnten, die Überbringer der Todes, wie sie seinen Körper einnahmen und immer weiter in ihn vordrangen, inhaliert durch seinen eigenen, freien Willen.
Er rauchte definitiv zu viel, seitdem sie ihn verlassen hatte. Als Hauptgrund dafür hatte sie angebracht, daß sich sein Charakter radikal verändert habe, daß er Meister darin geworden wäre, schlechte Gewohnheiten und Verhaltensmuster zu kultivieren, daß er zu stark für sie geworden ist. Sie hatte ihm mit einem falschen Lächeln auf den Lippen gesagt, daß all seine Toleranz und all sein Respekt für sie Reißaus genommen hätten. Was er am meisten an den Dingen haßte, die sie gesagt hatte, war etwas über "Sensibilität" und "Einfühlsamkeit". Er wußte genau, über was sie da geredet hatte, und daß sie damit Recht hatte. Der Rauch kehrte zu ihm zurück.
Rauchte er wegen des Geschmacks oder wegen der Schmerzen ? Er fühlte schon wieder das Verlangen seiner Lungen nach einem grauenerregenden und stinkenden Wirbelsturm aus Krämpfen. Seine Hand griff nahezu verselbständigt nach seinem auf dem Tisch liegenden Tabak. Er konnte sogar im gedämpften Licht des Raumes erkennen, daß sein Zeige- und sein Mittelfinger gelb und braun schimmerten. Sie waren in Rauch getauft worden, und er taufte sie jeden Tag aufs neue. Sie schmolzen langsam dahin, gerade so wie zwei Soldaten, die in einen Tabak-Krieg ausgesandt worden waren und jetzt durch den Säureregen marschierten. Er fragte sich bei diesem Anblick, wie oft er sich heute eine Zigarette gedreht hatte, ohne es selbst bewußt wahrgenomme zu haben, wie oft er in dieser Woche ein neues Päckchen Tabak gekauft hatte, ohne überhaupt darüber nachzudenken.
"Anti": er erinnerte sich daran, daß er eigentlich aufhören wollte, diese Sorte Tabak zu rauchen seit er wußte, daß die Firma einen Teil des Geldes, daß sie mit dem Tabak machte dafür aufwand, die Regierung im Bau von weiteren Autobahnen zu unterstützen, Wälder und Dörfer aus dem Weg räumend...ein Smog-Paradies errichtend. Aber verdammt nochmal, "Anti" war der beste Tabak, den er kannte. Er mochte ihn so sehr, weil in seinem Geschmack eine leichte Note Essig mitschwang. Er kannte alle anderen Tabake gut; er mußte alle erhältlichen Sorten sein dem Tage, an dem er mit dem Rauchen angefangen hatte, durchprobiert haben. Einige von ihnen schmeckten wie Seife, andere schmeckten wie Heu und manche hatten sogar einen abartigen Zuckergeschmack an sich. Er erinnerte sich, daß er vor langer Zeit einmal den stärksten Tabak geraucht hatte, den man bekommen konnte: jedes mal, wenn er morgens aufgestanden war, mußte er wimmern und seine Lungen fühlten sich so an, als hätte er in der vergangenen Nacht 100 Kilometer in Stiefeln aus Beton zurückgelegt...Nacht für Nacht.
Er zog ein Zigarettenblättchen aus der Verpackung und nahm eine sehr kleine Portion Tabak; er hatte sich angewöhnt, seine Zigaretten sehr dünn zu drehen, so daß die Tabakpäckchen länger hielten und er mehr Zigaretten pro Tag rauchen konnte. Er wußte, daß er so mehr Papier als Tabak rauchte, aber das kümmerte ihn nicht. Es kümmerte niemanden. Jedes mal, wenn er über sein Leben reflektierte, dachte er, daß sich niemand jemals um ihm gekümmert hatte; außer ihr.
Immer wenn dieser Gedanke in ihm hochkam, ergriff ihn die Panik. Er wollte ausflippen. Er wollte fliehen: vor seinem Körper, seinem Leben und seiner Vergangenheit. Er mochte das Rauchen so sehr, weil der Rauch aussah wie Kummer. Er wollte mehr Kummer inhalieren, er wollte sich selbst mit auf sich gerichteten Zorn auseinandernehmen.
Er hatte sehr viel Übung darin, Zigaretten zu rollen, aber dieses mal zerriß er das Papier, als er den Tabak in die richtige Position bringen wollte. Jedes mal, wenn das vorkam, verlor er fast die Nerven, sein Verstand erschöpfte sich endlos. Er war überrascht darüber, daß es diesmal nicht passierte. Wenn Du einmal hinter die Augen der Welt geschaut hast, weißt Du, daß Du ohne das kleinste Problem von überall her Hilfe darin erhalten kannst, Dich umzubringen. Er legte seinen mißratenen Zigarettenversuch beiseite und zog seine Jacke an. Heute war es zu spät um aufzugeben, es war zu spät zum kollabieren. Er verließ sein Zimmer um eine dieser gottverdammten Schachteln "Anti" - Filterzigaretten zu kaufen, und er betete, daß er das passende Kleingeld dafür in seiner Tasche hatte.



Die Akte Sehlation

Lasse mich dir von diesem Problem erzählen.
Stelle dir vor, du wärst ein Künstler, genauer gesagt ein Musiker. Stelle dir vor, du hättest die Fähigkeit zu sehlen, die Fähigkeit, gleichzeitig und auf einmal all das zu sehen und in einem Atemzug zu fühlen, was du dir gerade ansiehst oder dir gerade anfühlst. Du könntest z.B. sehlen, was hinter den Augen eines Menschen liegt. Du könntest ihre Seelen sehlen, ihren Schmerz, ihre Vergangenheit, ihre Geheimnisse und manchmal sogar ihre Zukunft.

Verstanden ?

Dann stelle dir jetzt vor, daß du schon seit langer Zeit in diesem Zustand lebst, und über die Jahre hinweg haben deine Augen ihre Blicke gänzlich nach Innen gerichtet: am Ende glaubst du sogar, daß du hinter die Augen des Todes, hinter die Augen der Schöpfung und hinter die Augen dessen gesehlt hast, was manche Leute "Gott" nennen; und genau das hat etwas in dir heraufbeschworen, was du nicht mit Worten beschreiben kannst, aber du willst es mit Musik beschreiben.

Du willst einen Sehlations-Opus komponieren. Das Problem ist aber, daß du nicht weißt, wie du es anstellen sollst: du weißt nicht, wie du dir die heraufbeschworenen Kräfte zunutze machen kannst. Dabei willst du doch einfach nur das universelle Kunstwerk komponieren, eine Symphonie, die alles in einem positiven Sinne zerstört, Musik, die den Zuhörer atomisiert, die ihn einfach nur in seine Bestandteile zersetzt, die ihn in einen unpersönlichen Teil des gigantischen Nichts verwandelt. Musik, die in ihm das Bedürfnis danach entfacht, simpel und einfach mit allem verbunden zu sein, das nicht ist.
Du möchtest Musik komponieren, die so intensiv ist, daß sie tötet. Du willst die Musik komponieren.

Wenn Du erst einmal gesehlt hast, hält die Sehlation an. Du bist von jetzt an dazu verdammt, zu sehlen, und das foltert Dich. Ich vermute, daß diese ganze Geschichte ein trickreicher kleiner Schabernack ist, den sich "Gott" (verstanden als ein asexuelles Prinzip, welches unsere Leben in bestimmte Bahnen lenkt; ich bevorzuge es also, für "Gott" das Pronomen "es" zu verwenden) ganz für mich allein ausgedacht hat: es will, daß ich das Ende und das Ziel des ganzen selbst und aus eigener Kraft herausfinde. Es wird mir keine Tips geben. Trotzdem haßt es mich nicht. Es ist auf meiner Seite. Und genau das ist der Grund dafür, weshalb es mich sehlen läßt. Es hat ein Geschenk für mich; eines schönen Tages in der Zukunft werde ich es bestimmt von ihm als Belohnung für meinen Kampf bekommen. Es will, daß ich es schaffe, deshalb läßt es mich leiden.

Ich trage diese Musik bereits in mir. Ich weiß zwar nicht, wie sie sich anhört, aber ich weiß definitiv, wie sie sich sehlt. Ich habe sie bereits gesehlt, aber ich weiß nicht, wie ich sie in die materielle Welt herüber transformieren soll. Manchmal habe ich den Eindruck (und wenn ich "ich" schreibe, meine ich meine Seele und nicht deren äußeres, physisches Erscheinungsbild), daß ich nur einen klitzekleinen Zentimeter von ihr entfernt bin. Aber ich bin zu jung. Ich habe zu warten. Aber jede Sekunde, die verstreicht, erscheint mir so weitläufig wie eine Galaxie zu sein, so lange wie ein Lichtjahr...dies ist mein Problem: ich weiß von der Zukunft, aber niemand schenkt mir Glauben.

Wieso sollte ich dieses Problem in einem größeren, oder sogar in einem globalen Kontext plazieren ? Wenn man die Sehlation erste einmal erhalten hat (denke an das Wort Seele, um intensiver in diesen Begriff einzutauchen), verliert alles andere an Bedeutung. Was ist schon diese Welt im Vergleich zu dem Universum, daß sich Tag für Tag immer weiter in mir ausbreitet ? Ich habe die Fähigkeit dazu verloren, in dieser Welt zu leben; ich will damit nicht sagen, daß ich suizidal veranlagt bin, Gott bewahre, nein: ich verblasse. Ich werde transparent. Ich werde immer weniger. Als Folge dessen kümmere ich mich nicht mehr um die Art von Leben, wie sie von der Masse im allgemeinen verstanden wird; die Menschheit kann meinetwegen zur Hölle fahren. Du mußt mir nicht sagen, daß diese Einstellung über alle Maße hinaus egoistisch ist; das weiß ich selbst und ich bin in einer gewissen Art und Weise stolz darauf.

"Aber was ist dann überhaupt der Nutzen von solch einem Sehlations-Opus ?", könnte jetzt deine Frage sein. Die Antwort ist sehr einfach: ich will auf einem bestimmten Wege sterben. Dies ist der Antrieb eines jeden Künstlers und die Existenzberechtigung für seine Kunst. Ich glaube, daß es da noch einige wenige Künstler gibt, die das selbe Problem haben wie ich: genauso wie ich versuchen sie, die Grenzen des "Menschseins", des Verstandes und des Körpers zu durchbrechen, um ihrem "Gott" Tribut zu zollen...aber wir sind wenige, und wir wissen voneinander so lange nicht, bis der Tag gekommen ist, an dem wir uns in dem Schoße unserer Mutter wiedertreffen.

Ich muß damit fortfahren, an mir selbst und an meiner Musik zu arbeiten; ich muß mehr xyz werden und ich muß mehr sehlen. Und falls jemals dieser eine große Tag nahen sollte...weiß ich, daß ich in der Lage sein werde, zu fliegen. Ich habe große Angst davor, nicht dazu fähig sein zu können, diese Musik zu kreieren. Falls dies der Fall sein sollte, wird mein ganzes Leben nutzlos gewesen sein; es wäre dann nichts weiter als ein göttlicher Irrtum gewesen.

Dies ist die größte Angst, die ich jemals an Leib und Seele erfahren habe.



Die Zärtlichkeit Der Verdammten

Lassen wir einmal außer Acht, daß sich Samuel nicht auf unserer Existenzebene befindet und somit für uns so oder so nicht ansprechbar ist. Wenn wir aber einfach annehmen, daß wir ihm zu diesem Zeitpunkt diese Frage hätten stellen können, dann hätte er sie vermutlich auf seine gleichgültige Art und Weise mit " Ich vermute schon, daß ich tot bin" oder, mit schlecht gespieltem Interesse und einem erzwungenen philosophischen Anflug mit "Ich weiß nichts von mir, ich kann nicht einmal sagen, ob ich leben, woher soll ich dann wissen, ob ich tot bin ?" beantwortet. Er lag in einer Haltung auf seinem Bett, die der eines Embyos in der Gebärmutter glich. Er hatte die Beine bis zu seinem Kinn angezogen und fest mit seinen Armen umschlungen. Seine Körperhaltung läßt uns über jeden Zweifel erhaben sein, daß er am liebsten nicht auf der Stelle wieder zurück in den Mutterleib gekrochen wäre. Sein von seinem struppigen Haar umspieltes Gesicht war bleich und ausdruckslos, nahezu traumlos. Aus seinem leicht geöffneten Mund war eine unglaublich große Menge Speichel in langen, glitschig-transparenten Fäden auf sein Kopfkissen gelaufen. Die Bettdecke war in einem nächtlichen Kampf zu einem erbärmlich aussehenden Knäul zusammengetreten worden, und irgendwie hatte Samuel es geschafft, sie im Schlaf quer durch sein gesamtes Zimmer zu katapultieren. Sie lag nun neben seinem Schreibtisch auf dem kalten Beton und hatte nur um ein Haar die mit Kot- und Urinresten besudelte, durch ein Loch im Boden mit der Kanalisation verbundene, schon von Rissen gezeichnete Abführschüssel verfehlt. Hätte er sie getroffen, wäre er wieder mehrere Stunden damit beschäftigt gewesen, die vielen Schamhaare von ihr zu entfernen und sie von dem verklebten Staub zu reinigen, der sich von der Kloschüssel unweigerlich auf sie übertragen hätte.
Die schon lange am Himmel stehende Sonne strahlte wie durch ein Prisma in gebrochenen, bunten Strahlen durch sein Fenster, sichtbar gemacht von Staub und Rauch. Im Gegensatz zu dieser Farbpracht wirkte sein nacktes Fleisch grau, alt und abgehangen. In der Luft lag ein übler Geruch von Fäulnis und Verwesung, eine Kreation aus weitläufig verteilter Zigarettenasche, nicht abgewaschenem Geschirr, seinem schimmelnden Mülleimer und dem von Toilettenpapier aufgefangenem, von seiner häufigen Selbstbefriedigung her rührendem Sperma. Zwar konnte er diesen Geruch nicht ausstehen, doch war sein Ekel größer als der Antrieb, etwas für seine Behebung zu tun.
Samuel wurde allmählich unruhig und begann sich zu bewegen. Er war gerade dabei, sich in dem von ihm als etwas wunderbares empfundenen Dämmerzustand zwischen Traumwelt und Realität aufzuhalten: seine Seele war bei vollkommen klarem Bewußtsein, sie war wach; doch konnte sie nicht gegen seinen schlafenden, verkrampften Körper ankämpfen und ihn zu einer Bewegung veranlassen. Er war gefangen. Nach einer Weile gab er den Kampf auf und sank ohne es zu bemerken zurück in den Schlaf.
Hätte er die riesige, klaffende Wunde in seiner Brust gesehen, wäre er mit Sicherheit gelangweilt und angeekelt aufgestanden und hätte in einer weiteren Routineaktion das fehlende Teil gesucht, welches dieses Mal auf seinem Schreibtisch lag, direkt auf den von ihr nie geschriebenen und von ihm nie erhaltenen Briefen, die jetzt von oben bis unten mit seinem Blut verschmiert waren. Dort, auf jenen Briefen lag sein Herz, sich immer noch rhythmisch bewegend, schlagend. Aus den unsauber abgetrennten Aderstummeln sickerte in unregelmäßigen Abständen eine schwarze Flüssigkeit heraus, die mittlerweile schon den ganzen Fußboden bedeckte; diese Flüssigkeit ließ die schlimmsten Vermutungen vom Geruch des Todes wahr werden. Und sie war noch giftig dazu. Als sie ihm das letzte Mal das Herz herausgerissen hatten, muß es so gewaltsam gewesen sein, daß sie Wohnung schwarz gesprenkelt war. Gesprenkelt war auch dann der Apfel, den er unvorsichtigerweise gegessen hatte, ohne ihn vorher zu waschen. Daraufhin war die dunkle, ölige Substanz in sein Nervensystem eingedrungen und hatte dort einiges auf den Kopf gestellt: neben Lähmungen und Zuckungen hatte sich auch ein mehrstündiger Brechreiz eingestellt.
Es war für ihn schon zur Routine geworden, daß man ihm ständig seinen Pumpmuskel auf unnatürliche Art und Weise und ohne sein Einverständnis im Schlaf entfernt. Es war ihm egal. Manchmal kamen sie jedoch auf den Gedanken, sich einen makabren Scherz zu erlauben: einmal waren sie auf die Idee gekommen, sein Herz in einer Mülltonne neben dem Wohnblock zu verstecken, und es hatte mehrere Stunden gedauert, bis er es wiedergefunden hatte. Ein anderes Mal hatten sie das kreative Bedürfnis, sein Herz mir Gemüse zu einem Gesicht zu gestalten: Kartoffeln als Augen und eine Karotte als Nase. Er war mit allem einverstanden., wenn es ihnen Freude bereitete, aber allmählich hatte er keine Lust mehr, der Spaß war vorbei. Die ständigen Wiedereinpflanzungskosten fraßen ein Loch in seine Tasche. Mit Wut im Bauch erinnerte er sich an die Variante, aus seinem Herz Geld herauszuholen. Sie hatten es dem Besitzer eines Second-Hand Ladens verkauft und er mußte einen teuren Preis bezahlen, um es zurück zu ergattern. Solange sie es ja nicht für immer mitnahmen, war alles in Ordnung.
Schrecklich für ihn war nur, daß er ja nicht einmal wußte, wer sie eigentlich waren. Er hatte sie nie auf frischer Tat ertappt, und wenn er aufwachte, war es bereits zu spät. Er vermutete allerdings, daß sie etwas mit ihr zu tun haben mußten, denn es passierte jedes mal, wenn er am Abend zuvor von ihr eine Nachricht erhalten hatte, an sie gedacht hatte, oder von ihr träumte. Doch jetzt träumte er nicht, ganz im Gegenteil, die letzten Schleier begannen nach und nach zu fallen, er wachte auf und sofort verzerrte sich sein Gesicht zu einer Fratze. Durch seine nachteilige Schlafhaltung hatte er immer beim Aufwachen das Gefühl, als hätte man ihm kleine Metalplättchen zwischen jeden einzelnen Wirbel geschoben. Seine Arme schmerzten ebenfalls. Am ganzen Körper fühlte es sich an, als würden die Muskeln frei liegen. Als er das Loch in seinem neuen Totenhemd sah, stellte er sich darauf ein, ebenfalls ein Loch in seinem Körper vorzufinden. Und so war es auch.
Die Wunde war heute erstaunlich unsauber; sie war nicht wie sonst fein säuberlich mit einem Skalpell angefertigt worden, und bei den Rippen hatten sie diesmal auch keine Knochensäge benutzt. Um den Rand der Wunde hingen Haut- und Fleischfetzen, in dem Loch an sich wimmelte es von Knochensplittern, auf die wichtigen Adern hatten sie auch nicht geachtet, und erst recht hatten sie mit dem Desinfizieren keinen guten Tag gehabt; unsaubere Arbeit. Verärgert über den erneuten Streich der Unbekannten stand er auf und suchte nach der medizinischen Glasfieberwolle, mit welcher er jedesmal das Loch auszustopfen hatte. Bei diesem Vorgang verschwand seine hand immer vollständig in seinem Oberkörper. Danach mußte das fleischliche Katastrophengebiet mit Klebeband abgedichtet werden; das sah zwar hinterher äußerst unschön aus, war aber effektiv. Nach seiner Verarztung mußte er, wie Bartholomäus ihm eindringlich und um sein Wohlergehen besorgt aufgetragen hatte, das Herz so schnell wie möglich ausfindig machen und mit dem Herz auf dem schnellsten Wege zu ihm kommen.
Das Herz lag pochend auf dem Schreibtisch. Er fand es; doch beim Anblick der nicht vorhandenen Briefe mußte er an sie denken, und das tat weh.
Es war ein Gefühl, als ob aus allen vier Himmelsrichtungen je ein Vorschlaghammer kraftvoll gegen seinen Kopf gedroschen wurde. Wäre es in der Realität so gewesen, hätte wahrscheinlich seine Schädeldecke mitsamt Gehirn abgehoben. Von der schon Schimmel ansetzenden Zimmerdecke hätte ihn dann das in diesem Falle zermatschte Gehirn angegrinst und mit rollenden Augen und einem abartigen Lachen in den Furchen hätte ihn seine Großhirnrinde potent gefragt, ob er denn heute schon gefickt hat.
In seinem Bauch befanden sich zwar Schmetterlinge, denn er war verliebt, aber in diesem Moment wurden die Schmetterlinge von der Magensäure angegriffen , und ihr Tod war schmerzvoll. Dieses Gefühl im Magen veranlaßte ihn, sich zu übergeben, und sein gesamter Mageninhalt platschte in einer Fontäne auf sein Herz und somit auch auf die imaginären Briefe. Verzweifelt wischte er sich den Mund ab. Entsetzt über den Schlamassel kümmerte er sich liebevoll und fürsorglich um die vollgespeiten Briefe. Er wischte sie sauber, und beim Anblick ihrer Handschrift kehrte das Gefühl wieder, Götterspeise in den Beinen zu haben. Er konnte nicht länger und sackte in sich zusammen; wie ein Häufchen Elend lag er auf dem Boden und weinte.

Er hatte sie vor sechs Monaten in einem seiner seltsamen Träume kennengelernt, und am Anfang hatte er sie sich eigentlich gar nicht so vorgestellt, wie er sie sich immer vorgestellt hatte. Es war ihm nie richtig aufgefallen, aber wenn es einmal dazu kam, daß er sie betrachtete, empfand er sie als seltsam männlich und ordinär. Aber nach und nach stieg sie immer mehr aus seinem Unterbewußtsein hervor, bis sie fast kurz davor war, sich zu materialisieren. Aber das tat sie nie. Als dann der fünfte Schaltkreis aufsprang, erkannte er sie endgültig. Eine Stimme wie die ihrige hatte er noch nie zuvor in seinem ganzen Leben gehört: sie klang unglaublich warm und zärtlich. Im Dunkeln hatte sie ihm oft gesagt, daß sie ihn liebte, doch das war jetzt vorbei. Wenn er sie jetzt gelegentlich wiedersah, war sie für ihn der Inbegriff aller Weiblichkeit. Alles an ihr war so unglaublich schön: ihr Körper, ihr Haar, ihre Augen, ihre Hände, ihre Narben...Wie gerne würde er noch einmal über ihre nackte Haut streichen, sich an sie schmiegen, sie im Arm halten, so wie damals in seinen Träumen. Doch das war alles, bevor man angefangen hatte, ihm sein Herz zu entführen.
Und genau das war es, was er sah, als er die Augen öffnete: sein mit Erbrochenem übergossenes, nun auf dem Boden vor ihm im Dreck liegendes (es war vermutlich vom Tisch gehüpft, weil es dort oben nicht mehr in der Höhe pochen wollte), von Kellerasseln umspieltes Herz. Mit einem Schlag erinnerte er sich an Bartholomäus´Worte und rappelte sich auf.



Wo ist Sie?

Es wächst. Es erwacht zum Leben. Die transzendentalen Entität, die zuvor nur als unausgesprochene Worte und starke, dafür jedoch vage Emotionsklumpen wahrgenommen wurde, empfunden als ein Konglomerat aus zum Beispiel Einsamkeit, Gram, Kummer, Liebe und lächerlichen suizidalen Tendenzen, manifestiert sich jetzt, indem sie die Luft als Medium verwendet, indem sie sie als Träger benutzt.. Meine eigenen, privaten Klangstrahlen, geboren durch moderne, digitale Technologie, erzeugt von Geräten, die die Menschen auf Grund ihrer panischen Angst vor der "Nähe", dem "Analogen", entwickelt haben , fliegen rund um die Erde herum und treffen manchmal Ohren. Diese Strahlen suchen nach jemandem ganz besonderem, aber: wo ist sie ?

Strahlen der Musik, strahlend-funkelndes Blut; Musik sollte um keinen Preis der Welt komponiert werden, Musik muß geblutet werden. Ich stehe unter dem Kommando meiner Musik, diese Kunstform ist wie eine grausame Herrscherin, die mich nach ihrem Willen befriedigt; oder unbefriedigt liegen läßt. Sie verwendet zu meiner Verzückung diese unwirklich anmutenden, matt schimmernden Rasierklingen, denen man ihre Schärfe gar nicht zutraut und schneidet mit ihnen manchmal tiefe Wunden in mein Fleisch. Diese Herrscherin ist so exzentrisch und so arrogant, daß sie will, daß ich ein für allemal, jetzt und für alle Zeit ihr einziger Untertan bin; sie zwingt mich dazu, alle nur erdenklichen Instrumente zu spielen und alle nur erdenkliche Musik zu komponieren, alle nur erdenklichen Texte zu texten. All diese Musik und all diese Texte fliegen rund um die Erde herum und treffen manchmal Ohren. Sie suchen nach jemandem ganz besonderem, aber: wo ist sie ?

Die Menschen werden mit Sicherheit niemals verstehen, warum die Aufnahmen meines ersten Albums, und dessen bin ich mir trotz meines relativ jungen Alters jetzt schon sicher, eines der schmerzlichsten und erschreckendsten Erlebnisse in meinem ganzen Leben gewesen sind. Ich habe ehrlich gesagt Angst vor dem Album, ich weiß, daß ich am Anfang nicht in der Lage dazu sein werde, es mir anzuhören; wie wir es sein, wenn meine Arbeit daran beendet ist, wenn alle Stücke fertig gemixt und gut produziert sind, wenn die großen, furchteinflößenden Maschinen im Studio endgültig ausgeschaltet sind ? Diese endgültigen, schicksalsträchtigen und wegweisenden Bewegungen deiner Finger, dieses finale Betätigen des An/Aus-Schalters ist, oder besser, kann fataler sein, als man es sich vorstellt. In einigen Fällen kann es sogar tödlich enden. Ich fühle mich wie als wenn mich die Lieder vergewaltigen würden; ich bin der Meinung, daß das Aufnehmen von Musik wie eine Vergewaltigung oder eine Abtreibung für den Künstler ist. Das in dir gereifte Kind wird durch einen von dir bewilligten und selbst verschuldeten Eingriff irreparabel herausgerissen und kann nie wieder ein Teil von dir werden. Es schmerzt, und der Schmerz läßt niemals nach.

Ich weiß niemals, wie das Endprodukt klingen wird; sinnübergreifend ist es wie eine Maskerade, und um Mitternacht enthüllt jeder Gast seine oder ihre wahre Identität. Am intensivsten weiß diesen Höhepunkt das Mädchen zu zelebrieren, mit dem ich den ganzen Abend getanzt habe, sie reißt sich mit Anmut die Maske herunter und offenbart mir ihr Gesicht. Sie kann entweder so häßlich und bleich wie der Tod aussehen, oder so wunderschön und wollüstig wie die Jugend und der Frühling. Sie ist meine schwarze Göttin, sie schlingt ihre Arme um mich, sie küßt mich zärtlich und zerbricht mein Herz in kleine Stücke. Sie erfüllt meinen Körper mit Erschöpfung. Ich würde es mir wünschen, sie sterben zu sehen.

Diese Musik ist sexuell. Diese Musik ist weiblich. Kunst ist weiblich. Der Tod ist weiblich. Die Abgründe des Nichts sind weiblich. Der Mond ist weiblich. Die ganze verdammte Schöpfung ist weiblich. Das Blut ist weiblich. Sogar Satan ist weiblich. Diese Aufnahmen gaukeln vor, die Mutter der Weisheit zu sein, die Ausgeburt jedes männlichen, unerreichbaren Verlangens, die Essenz der Inspiration. Doch sie sind es nicht.

Wenn ich an meine erste eigene Platte denke, sehe ich meinen nur für mich existierenden, riesigen Berg aus Totenköpfen sich vor mir auftürmen, und jedes mal, wenn ich es endlich geschafft habe, diesen Felsklotz aus Versagensängsten und wirklich ernst gemeinten Versuchen auf die Spitze des Berges zu arbeiten, rollt er wieder hinunter, in das undurchschaubare Tal meiner mir unbegreiflichen Gehirnwindungen, er rollt zurück und taucht in den brennenden Nebel dieser einen Frage ein: Was versuche ich eigentlich zu finden ? Wer bin ich ? Was soll das alles überhaupt ? Und vor allen Dingen: Wo ist sie ?